Chimfunshi – Schimpansen-Waisenhaus in Chingola

Geduldsprobe

Hatte ich von 8-10 Stunden Reisezeit von Siavonga bis Ndola gesprochen, war ich wohl etwas zu optimistisch. Wir standen extra morgens um 6 Uhr auf, um in Siavonga den ersten Minibus zu bekommen, der ab 7 Uhr losfährt. Um 20 vor sieben waren wir an der Bushaltestelle und wurden sofort von dem Fahrkartenverkäufer angesprochen, so dass wir ein Ticket in der Hand hielten. Womit wir nicht gerechnet hatten, war die Wartezeit. Bis der Bus voll war und als wir endlich losfuhren, war es bereits 8:20 Uhr. Wir kamen jedoch gut durch, da die meisten Passagiere das gleiche Ziel wie wir hatten und brauchten für die Strecke Siavonga – Lusaka lediglich knappe 3,5 Stunden. Um ca. 12:30 Uhr befanden wir uns am Busterminal in Lusaka und erkundigten uns nach der nächsten Möglichkeit, nach Ndola zu kommen. Der erste Ticketverkäufer meinte, es würde nur noch einen Bus geben, der um 15 Uhr losfährt. Wir wollten das nicht glauben und forschten weiter. Schließlich kauften wir ein Ticket für einen Bus, der um 14 Uhr losfahren sollte. Aufgrund der Osterfeiertage scheint es eine erhöhte Nachfrage gegeben zu haben, so dass wir nicht früher aus Lusaka rauskamen. Es hieß also wiederum warten…

Generell scheint Zeit in Sambia eine andere Bedeutung zu haben, als in unserem gewohnten kulturellen Umfeld. Alles läuft – nett ausgedrückt – gemütlicher ab. Realistsich gesehen, sind die Leute hier einfach nur scheiße langsam! Das stellt meine Geduld auf eine harte Probe. Für Dinge, die nur wenige Sekunden benötigen, verstreichen hier teilweise mehrere Minutent. Daran muss man sich erst einmal gewöhnen, muss es aber auch gleichzeitig akzeptieren, ändern kann man es so oder so nicht. Ein Großteil der Zeit, die wir hier sind, verbringen wir mit Warten oder in Transportmitteln. Der Weg ist das Ziel. Ein Glück sieht Thomas das genauso. Ich will mir garnicht ausmalen, was wäre, wenn ich mit jemandem unterwegs wäre, der ständig über die Dinge hier nörgelt. Klar, mir geht es auch auf den Keks, aber wie schon gesagt, man muss es hinnehmen. Es war ja von vornherein klar, dass Sambia infrastrukturell unterentwickelt ist und dass es abenteuerlich werden würde, sich durch das Land zu schlagen.

Es ist aber auch nicht alles schlecht. Während der Wartezeiten hat man die Gelegengheit, den sambischen Alltag zu beobachten und kommt mit den wirklich netten Leuten hier in Kontakt. Das ist eine sehr wertvolle Erfahrung, lässt aber auch die Frage offen, wie sich das Land wirtschafltich entwickeln soll. Bei den ineffizienten Abläufen hat man das Gefühl, dass dies teils der Mentalität der Menschen hier geschuldet ist und so etwas lässt sich vermutlich nur in einem sehr langwierigen Prozess ändern, wenn überhaupt. Vorher sehe ich aber nicht, dass es hier einen wirtschaftlichen Aufschwung geben kann. Immerhin wird auf Bildung Wert gelegt, wie ich bereits erwähnte. Das ist ein Anfang. Weiterhin ergeben sich immer wieder unvergessliche Momente, wie ein sambisches Paar, das unbedingt von Thomas fotografiert werden wollte oder einfach die vielen netten Leute. Exemplarisch sei der junge Mann erwähnt, der im gleichen Bus wie wir nach Ndola saß und sich, als wir einstiegen, entschuldigte, dass er uns keinen Platz freigehalten hatte und nach Ankunft in Ndola extra ausstieg, um sich von uns zu verabschieden und uns einen schönen Aufenthalt zu wünschen. Auch der Ticketverkäufer, der mir aufgrund des Borussia Dortmund-Trikots, welches er trug, auf Anhieb sympathisch war, konnte es nicht mit angucken, wie wir in der Sonne standen und auf den Bus warteten, so dass er uns einen Sitzplatz im Schatten organisierte und uns Bescheid gab, als der Bus zum Einstieg bereit stand.

Aber zurück zum Thema. Der Bus nach Ndola fuhr – wenig überraschend – mit einer einstündigen Verspätung ab, aber – und das sorgte bei mir für Genugtuung – vor dem Bus, der uns als letzter Bus des Tages angepriesen worden war und planmäßig um 15 Uhr starten sollte. Alles richtig gemacht! Die angekündigten vier Stunden Fahrtzeit nach Ndola dauerten real sechs – sambische Zeitrechnung halt. Nach etwas mehr als 15 Stunden waren wir also an unserem Ziel angekommen, Ndola. Eigentlich war der Plan, dass wir uns noch mit meiner Cousine und Tante zum Abendessen treffen. Wir entschieden uns aber, direkt ins Hostel zu fahren, etwas zu essen und frühzeitig zu Bett zu gehen. Die sambische Zeitrechnung machte uns auch hier wieder einen Strich durch die Rechnung. Die Köchin bat uns um 12 Minuten Zeit, um uns ein T-Bone-Steak mit Fritten zuzubereiten, brauchte jedoch ungefähr eine Stunde dafür.

Der Weg ist das Ziel

Wie schon oben erwähnt, könnte man diese Phrase als Motto für unsere Reise nehmen. Mit erstaunlicher Effizienz nahmen wir unseren Mietwagen für die kommenden Tage in Empfang, einen Ford Ranger Double Cab mit zuschaltbarem Allradantrieb.Unser Ford Ranger Double Cab Pick Up, Sambia Ich wurde entjungfert und fuhr zum ersten Mal in meinem Leben selbst im Linksverkehr. Nach einer kurzen Eingewöhnungszeit kam ich damit und mit den ungewohnten Ausmaßen des Vehikels gut zurecht.Unser Ford Ranger Double Cab Pick Up an der Solwezi Road, Sambia

Wir holten meine Tante und meine Cousine an ihrem Hotel ab und besuchten zunächst das als einziges Highlight in Ndola angepriesene Copperbelt Museum. Im Copperbelt ist montane Industrie angesiedelt und es werden Kupfer als auch Edelsteine abgebaut, touristisch gibt es hier wenig zu bieten und dementsprechend verirren sich nur wenige Touristen in diese Gegend. Vermutlich hätten wir diesen Teil Sambias auch ausgespart, wenn meine Cousine nicht ihr Auslandssemester in Ndola absolvieren würde – was letztendlich auch der Anstoß dieser Reise gewesen ist. Das Copperbelt Museum bietet für die 5 $ Eintritt spärliche Information über die Geologie der Region und den lokalen Bergbau. Zudem gibt es noch eine Abteilung über die sambische Kultur. Beides untergebracht auf ca. 50 m² und ein wenig heruntergekommen.

Für das Osterwochenende hatte ich im Internet Chimfunshi recherchiert, ein privates Schimpansen-Waisenhaus, das ungefähr 200 km von Ndola in der Nähe von Chingola liegt. Bis Chingola waren die Straßenverhältnisse einigermaßen gut und es befanden sich nur vereinzelt Schlaglöcher im Straßenbelag. Die Verbindungsstraße von Chingola nach Solwezi ist fast durchgängig unbefestigt oder eine von Schlaglöchern übersähte Asphaltschicht, schnelles Vorankommen ist damit ausgeschlossen. Dennoch schafften wir es, noch vor Einbruch der Dunkelheit bei Chimfunshi anzukommen, wo wir die nächsten zwei Nächte verbringen sollten.Chimfunshi Education Center, Chingola, Sambia

Chimfunshi – Kontaktaufnahme mit unseren nächsten Verwandten

Das Highlight des Besuchs bei Chimfunshi war der Bush-Walk, den wir gebucht hatten und bei dem wir gemeinsam mit vier Schimpanzen rund zwei Stunden durch den Busch spazierten. Vom Education Center, in dem auch ein paar Hütten vorhanden sind, in denen man übernachten kann, fuhr ich uns acht Kilometer im Rallye-Stil zum Waisenhaus, wo der Busch-Spaziergang stattfinden sollte.Chimfunshi Education Center, Chingola, Sambia Chimfunshi Education Center, Chingola, Sambia Es macht wirklich einen Heidenspaß auf einer Schotterpiste durch den Busch zu heizen. Besondere Freude machte es mir, durch Wasserstellen zu fahren, so dass das Wasser links und rechts vom Wagen in die Höhe spritzte, endlich bekam der Wagen auch ein Aussehen, das einem SUV gerecht wurde. Meine Tante ließ es sich nicht nehmen, zu erwähnen, dass ich schon als Kind sehr gerne und mit großer Freude mit dem Fahrrad durch Pfützen gefahren bin. Es hat sich halt nicht viel verändert.

Es konnte also endlich losgehen. Nach einer Sicherheitseinweisung und nachdem wir unsere Taschen mit Erdnüssen, Leckerlis und Brotstücken befüllt hatten, wurden wir durch eine Schleuse auf das eingezäunte Gelände gelassen, auf dem der Spaziergang stattfand. Dominik, der seit 22 Jahren für Chimfunshi arbeitet, begleitete uns und achtete darauf, dass die Schimpanzen uns nicht zu sehr neckten. Wir warteten gespannt darauf, dass die Schimpanzen zu uns gelassen wurden. Als das Tor geöffnet wurde, steuerten die Schimpanzen zielsicher auf uns zu und fingen an, die Leckereien aus unseren Taschen zu holen und zu verspeisen.Chimfunshi, Chingola, Sambia Chimfunshi, Chingola, Sambia Chimfunshi, Chingola, Sambia Chimfunshi, Chingola, Sambia Dabei stellten sie sich äußerst geschickt an und wir hatten Zeit uns mit Cindy, Dominik, Sims und einem weitern, dessen Namen mir entfallen ist, anzufreunden.Chimfunshi, Chingola, Sambia Chimfunshi, Chingola, Sambia Chimfunshi, Chingola, Sambia Chimfunshi, Chingola, Sambia Chimfunshi, Chingola, SambiaChimfunshi, Chingola, SambiaChimfunshi, Chingola, SambiaChimfunshi, Chingola, Sambia Cindy führte die Truppe an und bestimmte das Tempo, mit dem wir uns durch den Busch bewegten und lässt sich auch gerne auf dem Rücken tragen – wohlgemerkt nur von männlichen Besuchern. So kamen Thomas und ich in den Genuss, die Schimpanzen-Dame durch die Gegend zu tragen. Das hört sich einfacher an, als es ist, obwohl sie noch nicht ausgewachsen ist, wiegt sie zwischen 30-35 kg, noch dazu ließ sie sich wie ein nasser Sack hängen.

Chimfunshi, Chingola, Sambia Chimfunshi, Chingola, SambiaChimfunshi, Chingola, SambiaThomas und ich kamen mit unserem Guide Dominik ins Gespräch und erfuhren so einiges über die politische Situation in Sambia und die Lebensumstände der normalen Bevölkerung. Dominik war auch sehr interessiert und stellte uns Fragen über Deutschland und Vietnam. Und so plauderten wir eine Weile über dies und das, bevor wir uns von ihm und den Schimpansen wieder verabschiedeten.Chimfunshi, Chingola, Sambia

Chimfunshi – Das Schimpansen-Waisenhaus

Nach dem Spaziergang fuhren wir noch zu einem weiteren Areal, in dem Schimpansen leben. Insgesamt beherbergt Chimfunshi 120 Schimpansen, aufgeteilt in mehrere Gruppen, die auf mehrere Hektar großen Freigeländen ein weitestgehend autonomes Leben führen. Der Begriff Waisenhaus ist deshalb ein wenig irreführend, denn es wird Wert darauf gelegt, dass die Schimpansen in natürlichen Verhältnissen hausen. Da die meisten jedoch aus Gefangenschaft zu Chimfunshi gelangten, ist es notwendig, das zugefüttert wird. Von einem der Wärter vor Ort erfuhren wir noch weitere interessante Details über Schimpansen.Chimfunshi, Chingola, Sambia Chimfunshi, Chingola, Sambia IMG_2343

Insgesamt lässt sich sagen, dass sich der Weg zu Chimfunshi mehr als gelohnt hat und ich kann jedem, der Sambia besucht, dazu raten, die Strapazen auf sich zu nehmen und dorthin zu fahren. Der Spaß ist zwar nicht ganz billig und der Spaziergang schlägt mit 100 $ zu Buche, aber wann kommt man einem Schimpansen schon mal so nah? Zudem fließt das Geld zu 100% in das Projekt und die Leute dort machen eine wirklich gute Arbeit.

Der Weg ist das Ziel – Teil 2

Nachdem wir morgens den Mietwagen abgegeben hatten, verabschiedeten wir uns von meiner Tante und Cousine, nicht jedoch ohne am Vorabend noch das sambische Nachtleben in einem Pub abzuchecken. In entspannter Kneipenatmosphäre speisten wir vorzügliche einheimische Kost und genossen das ein oder andere Bier.

Während ich diesen Text schreibe, sitzen wir in einem Bus nach Harare in Simbabwe. Endlich hatten wir auch mal Glück und konnten von den Verspätungen der öffentlichen Verkehrsmittel profitieren. Wir hatten schon befürchtet, dass wir noch eine Nacht in Lusaka bleiben müssten und erst morgen nach Harare fahren könnten, da der Bus von Ndola nach Lusaka zu spät ankommen würde, um den letzten Bus nach Harare zu erreichen. Als wir jedoch am Busterminal in Lusaka ankamen, sahen wir noch einen Bus nach Simbabwe am Bahnhof stehen. Wir beeilten uns und konnten tatsächlich noch mitfahren, mussten aber darauf verzichten, nochmals zur Toilette zu gehen. Dementsprechend drückte meine Blase – nicht gerade angenehm, wenn man von den schlechten Straßenverhältnissen regelmäßig durchgeschüttelt wird. Nach ca. einer Stunde, überquerten wir die Grenze bei Kariba, diesmal fuhren wir über den Staudamm, wo wir zuvor unterhalb die Kanus gewassert hatten. Dort konnte ich mich dann endlich erleichtern.Solwezi Road, SambiaTeile diesen Reisebericht mit deinen Freunden!

Chimfunshi lebt von Spenden. Jede Spende, die du mir mit dem Stichwort „Chimfunshi“ zukommen lässt, leite ich 1:1 an das Projekt weiter. Du kannst natürlich auch direkt an Chimfunshi spenden.

 

Flattr this!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

*

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.