El Clasico – Derby Time in Ecuador

Nach der ersten Woche in Montañita fuhr ich am Samstagmorgen mit dem Bus wieder in Richtung Guayaquil. Nicht, dass mich die Stadt so sehr fasziniert hätte, als dass ich dort unbedingt wieder hin wollte. Getrieben jedoch von dem ständigen Hunger, die Atmosphäre in mir unbekannten Fußballstadien zu schnuppern, hatte ich mich für den Groundhopping-Wochenendetrip entschieden.

Es standen gleich zwei Begegnungen der Serie A an: am Samstagnachmittag Guayaquil City FC gegen CD El Nacional aus Quito und sonntagabends das Spiel der Spiele in Ecuador, das sog. El Clasico, Barcelona SC gegen Emelec. Letzteres ist sogar so brisant, dass Gästefans im Stadion nicht zugelassen sind und mir tunlichst davon abgeraten wurde, für Emelec zu jubeln, sollten diese ein Tor erzielen. Andernfalls drohe Lebensgefahr!

1. Halbzeit

Nach einem mehr oder weniger reibungslosen Transfer vom Busbahnhof zum Hostel, erkundigte ich mich, wie ich am besten zum Stadion des Guayaquil City FC gelangen könnte. Ich hatte schon gesehen, dass das Estadio Cristian Benítez Betancourt nicht allzuweit von meiner Unterkunft entfernt war. Meine Hoffnung, dass ich mit einem Bus dort hinkommen könnte, wurde erfüllt. Die Linie 75B setzte mich direkt vor den Türen des Parque Samanes ab, in dem sich das Stadion befindet.

Parque Samanes

Da ich noch kein Ticket hatte, war ich frühzeitig angereist. Glücklicherweise war das Wetter phänomenal, 30 Grad bei blauem Himmel und Sonnenschein. Eine Wohltat nachdem es die Tage in Montañita stets bewölkt und teilweise regnerisch war. Zudem kränkelte ich die letzten Tage ein wenig, so dass ein wenig Wärme auf der Haut sensationell positiv auf mein Gemüt wirkte.

Am Stadion angekommen, realisierte ich, dass es keine Möglichkeit gab, Tickets zu erwerben, weder an einer Abendkasse, noch auf dem Schwarzmarkt, wie mir im Hostel versichert wurde. Ich fragte also mit meinen mittlerweile exzellenten Spanischkenntnissen am Eingang nach und guckte ziemlich verdutzt, als mir mitgeteilt wurde, dass der Eintritt frei sei und man mich reinbat. Sehr cool!

Nach einer Sicherheitskontrolle, bei der einer der Polizisten meinen Reisepass sehen wollte – wobei ich mir sicher bin, dass er nur wissen wollte, woher ich komme – nahm ich mittig auf der Haupttribühne platz.

Ich konnte mein Glück kaum fassen, allerbeste Sicht auf das Spielfeld und keinen Eintritt gezahlt für ein Erstliga-Spiel. So etwas ist mir bisher auch noch nicht passiert.

Estadio Christian Benítez Betancourt

Allerdings hatte ich im ganzen Eifer nicht mehr daran gedacht, dass ich noch nichts gegessen hatte. Zunächst hatte ich befürchtet, dass ich im Stadion nichts zu essen bekommen würde, da die Imbissbuden geschlossen waren. Nach und nach trudelten aber fliegende Händler ein, bei denen ich mich mit den Nötigsten versorgen konnte: eine Flasche Wasser, ein Magnum Mandel und dann sogar noch mit einer Stadtionwurst.

Im Laufe der Zeit füllte sich das Stadion, wobei ich verwundert war, dass die Haupttribüne nur zu vielleicht 50% besetzt war und auf der Gegentribüne lediglich ein paar angereiste Auswärtsfans Platz eintrudelten. Mit denen hatte ich übrigens Mitleid, denn trotz Überdachung befanden sich deren Plätze komplett in der Sonne. Und die Sonne hier hat Power!

In der Halbzeitpause warteten die Veranstalter mit einem besonderen Schmankerl auf, die Kapelle der Academia Naval Altamar gab eine Kostprobe ihres Könnens zum Besten. Allerfeinste Marschmusik, die mich an die Schützenfest-Umzüge in dem Kaff erinnerten, in dem ich leidenswerterweise aufwachsen musste.

Halbzeitpause – Academia Naval Altamar

Die Stimmung während des eher mittelmäßigen Spiels, welches El Nacional in der Endphase mit einem 1:0 für sich entschied, wurde maßgeblich von der Handvoll von Gästefans bestimmt. Für Guayaquil City machten ganze drei (!) Fans Stimmung. Unglaublich!

El Nacional Ultras feiern den Treffer zum 1:0

Guayaquil City scheint einen schweren Stand zu haben, Barcelona und Emelec sind beide um Weiten beliebter in der Stadt, als auch im ganzen Land. Daran scheint auch freier Eintritt nichts zu ändern und ohne diese Maßnahme wäre das Stadion vermutlich komplett leer gewesen.

Medienübersicht

Halbzeitpause

Bevor es mich zum nächsten Spiel zog, hatte ich noch ein paar Stunden Freizeit. Da das Museo Antropológico y de Arte Contemporáneo eine Woche zuvor geschlossen hatte, nutzte ich die Zeit, und bestattete dem Museum nun einen Besuch ab.

Das Museum entpuppte sich als wesentlich kleiner als der Bau erwarten ließ. Die Ausstellung selbst ist einigermaßen interessant und leider sind die Beschreibungen nur auf Spanisch. So exzellent sind meine Kenntnisse dann wohl doch nicht, als dass ich dort alles hätte verstehen können.

Dennoch waren einige Exponate schön anzuschauen und machten Appetit auf die Besichtigung von alten Inkastätten. Auch wenn es dafür auf meiner Reise aufgrund der knapp bemessenen Zeit wohl nicht allzu viele Möglichkeiten geben wird.

2. Halbzeit

Wieder im Hostel angekommen, wurde ich auch schon bald von meinem Lieblingsfahrer abgeholt. Er ist im Übrigen der Vater eines der Rezeptionisten im Dreamkapture Hostel und ich habe ihn schon richtig lieb gewonnen. Er ist einfach ein so witziger und sympathischer Typ, den man nur mögen kann.

Ich war schon sehr gespannt. Schließlich führte mich mein Weg ins Estadio Monumental im Süden der Stadt und dann auch noch zu einem der Spiele, auf die das ganze Land hinfiebert. Als Groundhopper geht einem da natürlich das Herz auf. Wahnsinn!

Estadio Monumental, der Name ist Programm! Maximal 90.000 Zuschauer fasst das Stadion laut diverser Internetquellen. Mir wurde allerdings gesagt, dass maximal 70.000 reingelassen werden, was immer noch deutlich mehr ist, als die meisten Bundesliga-Stadien in Deutschland fassen.

Noch bevor wir am Stadion ankamen, bzw. bevor ich aus dem Auto ausstieg und den restlichen Weg zu Fuß absolvierte – es war bei den Menschenmassen einfach kein Durchkommen mit dem Auto möglich – hatte ich durchs Autofenster bereits ein Ticket erstanden. Mit 25 $ nicht gerade billig, aber doch noch im einkalkulierten Budget.

Vor dem Stadion angekommen, genehmigte ich mir erstmal ein Bier. Wohlgemerkt wird das hier vor dem Stadion wie Drogen gehandelt, obwohl offenkundig jeder mir entgegenkommende Fan ein Bier in der Hand hatte. Man geht also zu einem der Getränkehändler und fragt nach einem Bier, bezahlt und nach kurzer Wartezeit kommt – woher auch immer – jemand an und liefert dem Verkäufer Bier, der einem dies hektisch in die Hand drückt. Verrückt! Vor allem, weil es im Stadion auch Bier zu kaufen gibt und dort läuft das ganz normal ab.

Nach einigem Hin und Her hatte ich dann auch den richtigen Eingang zu meinem Block gefunden, Haupttribühne, Unterrang. Wie sich herausstellte, eröffnete sich mir der Unterrang auf kompletter Breite, was der Eingang in der Kurve nicht vermuten ließ. Ich suchte mir einen Platz in der letzten Reihe in der Nähe der Mittellinie.

Von hier aus hatte ich eine perfekte Sicht auf die beiden Fankurven, die sich zwischen den Tribünen steil gen Himmel aufzuragen scheinen. Die Größe des Stadions war beeindruckend und als die Fans anfingen, Stimmung zu machen, grenzte das Ganze schon an einem Gänsehautmoment.

Estadio Monumental, Guayqaquil, Ecuador

Jetzt weiß ich wieder, warum ich das Groundhopping liebe und warum ich mir dafür zuweilen – für andere unverständliche – Strapazen auf mich nehme.

Das Spiel selbst war weniger schön anzusehen und war geprägt von Aggressivität und etlichen Fouls. Bereits in der ersten Minute gab es für Emelec die erste gelbe Karte. Etwa zehn Minuten später wurde der Torwart von Barcelona nach einer Notbremse mit Rot vom Platz gestellt. In Folge dessen verwandelte Emelec den Strafstoß zur 1:0-Führung.

Emelec geht gegen Barcelona per Elfmeter in Führung – El Clasico de Ecuador

Die Dramaturgie hätte nicht besser für einen neutralen Zuschauer wie mich verlaufen können. Bei Barcelona passte nichts zusammen, es gab viele unschöne Szenen, die an der Zahl so viele waren, dass ich glaube, in Deutschland wäre das Spiel irgendwann abgebrochen worden, weil nicht mehr genügend Spieler auf dem Platz gestanden hätten. Für mich unverständlich, wieviel der Schiedsrichter durchgehen ließ.

Die Stimmung im Stadion wandelte sich im Laufe des Spiels. Die Fankurven machten zwar munter weiter mit ihren Fangesängen, um mich herum wurden die Fans aber immer wütender. Die Emotionen kochten hoch und entfachten sich in Schimpftiraden gegen die eigenen Spieler als auch den Schiedsrichter. Ich konnte mein Vokabular und die ein oder andere Redewendung erweitern, wohlgemerkt allesamt nicht jugendfrei.

Nachspielzeit

Nach Ende des Spiels ließ ich mich mit der Menschenmasse treiben, ohne eine Ahnung zu haben, wie ich zurück ins Hostel kommen sollte. Busse, als auch Taxis hatten keine Chance auf Durchkommen. Es blieb mir also nichts anderes übrig, bis zur nächsten frei befahrbaren Straße zu gelangen und dort zu versuchen, entweder ein Taxi oder einen Bus zu erwischen.

Bei einer Gelegenheit bog ich ab, um den Menschenmassen zu entkommen. Es erschien mir taktisch klüger, abseits eben dieser nach einer Transportmöglichkeit zu suchen. Da ich keine Ahnung hatte, in welches Viertel ich mich bewegen würde, war ich zunächst etwas vorsichtig. Es war schließlich schon dunkel und man weiß ja nie. Die Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste.

Alle Sorgen lösten sich auf, als ich in den Straßen Familien rumspazieren sah. Dann konnte das ja alles nicht so schlimm sein. Ich hatte inzwischen auch herausgefunden, dass ich in der Nähe einen Bus nehmen konnte, der mich nonstop zum Hostel bringen würde. Der App Moovit sei Dank.

Aus den ursprünglich 30 Minuten anberaumter Fahrtzeit wurde letztendlich mehr als eine Stunde. Die Straßen waren von verstopft. Aber klar, außer mir wollten noch etliche Zehntausend weitere Menschen nach Hause kommen.

Im Hostel angekommen, ging ich nach einer Dusche direkt ins Bett. Schließlich musste ich nach ungefähr fünf Stunden Schlaf wieder aufstehen, den Bus nehmen und nach Montanita fahren. Um 10 Uhr ging der Unterricht wieder los.

Ob meine Groundhopping-Erfahrung in Vietnam genauso spannend war, könnt ihr hier nachlesen.

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